Immunzellen sichtbar machen: ein Durchbruch für die personalisierte Krebsbehandlung

Spricht eine Person, die an Krebs erkrankt ist, auf eine bestimmte Immuntherapie an? Diese Frage ist von zentraler Bedeutung – sowohl für Patient:innen als auch für das Gesundheitssystem. Dr. Teresa Wagner und ihr Team von der immuneAdvice GmbH, einer Ausgründung des NMI Reutlingen, des Universitätsklinikums Tübingen und der Universität Tübingen, haben eine Technologie entwickelt, Immunzellen im Körper sichtbar zu machen, um damit genau diese Frage zu adressieren – eine biointelligente Entwicklung, die Leben retten kann.

Immuntherapien: erfolgversprechend, aber 70 Prozent sind resistent

Die Onkologie setzt in Immuntherapien große Hoffnungen. Bei einigen Krebsarten sind sie bereits standardmäßig im Einsatz. „Diese Therapien eröffnen erstmals die Möglichkeit, Krebs zu heilen, jedoch sprechen aufgrund verschiedener Resistenzmechanismen rund 70  Prozent der Patient:innen nicht darauf an. Eine individuelle Vorhersage ist bislang nicht möglich“, erklärt Teresa Wagner, CEO der immuneAdvice, die Herausforderung.

Immunzell-Tracer aus Alpakas

Hier sollen sogenannte Immunzell-Tracer (ICE-T) helfen. Um die zu gewinnen, kommt ein durchaus überraschender Akteur ins Spiel: das Alpaka. Denn aus diesen Tieren gewinnt das Team bestimmte Antikörper-Fragmente. Diese Fragmente haben die Forschenden in hochspezifische Tracermoleküle weiterentwickelt.

ICE-Ts machen Immunzellen nicht-invasiv sichtbar

Im nächsten Schritt werden diese Tracer den Patient:innen injiziert. Sie binden dann an bestimmte Immunzellen und machen diese so, durch die radioaktive Markierung und mit Hilfe bildgebender Verfahren (Positronen-Emission-Tomographie, PET), im ganzen Körper und in Echtzeit sichtbar – und zwar nicht-invasiv, also ohne, dass Biopsien genommen oder gar Operationen durchgeführt werden müssen.

Verdopplung der Ansprechraten auf Immuntherapien

„Mit unseren ICE-Ts wird erstmals eine evidenzbasierte, personalisierte Therapieentscheidung sowie präzise Verlaufsbeurteilung möglich. Mit dieser gezielten Steuerung können Ansprechraten auf Immuntherapien perspektivisch sogar verdoppelt werden – ein fundamentaler Durchbruch für die personalisierte Krebsbehandlung“, beschreibt Teresa Wagner den Anspruch von immuneAdvice.

Seit 2024 eine GmbH – erste klinische Anwendung steht bevor

Im Sommer 2024 gründete das Team gemeinsam die immuneAdvice GmbH. Wissenschaftlich konnten sie den präklinischen Proof-of-Function für die ersten beiden Tracer der ICE-T-Pipeline (Fachbezeichnung CD4 ICE-T und SIRPα ICE-T) vollständig erbringen und durch vier Publikationen belegen. Das heißt: ihre Technologie funktioniert.

Für CD4 ICE-T wurde bereits ein Herstellungsprozess etabliert, der GMP-konform ist, also die Good Manufacturing Practice (Gute Herstellungspraxis) erfüllt. GMP-nahes Material wurde erfolgreich in zulassungsrelevanten Toxizitätsstudien auf mögliche Nebenwirkungen geprüft. Ein Scientific Advice beim Paul-Ehrlich-Institut bestätigte sowohl das präklinische Datenpaket als auch das klinische Studienkonzept. Damit ist aus regulatorischer Sicht der Weg für die erste klinische Anwendung von CD4 ICE-T frei, dem das gesamte Team mit großer Motivation und Stolz entgegensieht.

Das Team der immuneAdvice GmbH (v.l.): Dr. Björn Tränkle, Dr. Teresa Wagner, Dr. Philipp Kaiser, Dr. Dominik Sonanini

 

Biologie und Technik im Zusammenspiel für erfolgreichere Therapien

Ganz unterschiedliche Technologien und Komponenten spielen in der Technologie von immuneAdvice zusammen: die Antikörper-Fragmente aus den Alpakas. Deren gezielte Weiterentwicklung. Und schließlich die bildgebenden Verfahren. Sie zusammen entlocken den Immunzellen im Tumorgewebe wertvolle Informationen – biointelligent erworbene Informationen, die Leben retten können.

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